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Interaktion mit allen Sinnen

Als Menschen zeichnet uns die Fähigkeit aus, uns sprechend und handelnd in die Welt einzubringen, wie es die Philosophin Hannah Arendt formuliert. In mit Kommunikation und Sprache befassten wissenschaftlichen Zusammenhängen gelten Sprechen und Handeln als wesenverwandt bzw. stellt Sprache eine (wesentliche) Form menschlichen Handelns dar. Auf sie wird im Alltagsleben selbstverständlich als auf etwas gleichsam naturhaft Gegebenes zurückgegriffen. Wo der Rückgriff auf Sprechen und gesprochene Sprache nicht ohne Weiteres möglich ist, können Verunsicherungen oder gar Ängste auftreten oder es wird mit einem Ausblenden oder Ignorieren des Gegenübers reagiert.


Demenzielle Veränderungen können zu Veränderungen des Sprech- und Verstehvermögens führen. Wie Beobachtungen aus dem beruflichen sowie aus dem familiären Pflegealltag nahelegen, treten als Folge davon in der zwischenmenschlichen Verständigung Schwierigkeiten und Verunsicherungen auf. Dies kann dazu führen, dass das Miteinander „auf Augenhöhe“ verloren geht. Zumindest stellt sich tendenziell ein kommunikativer Umgang ein, der zu einem Mangel an gelingendem Mit-Teilen auf Seiten der Person mit Demenz führt und deren Potenzial unausgeschöpft lässt. Dies geschieht, obwohl Pflegende nach eigenen Aussagen eine solche Kommunikation als nicht befriedigend erleben und diese mit einer als erhöht empfundenen Arbeitsbelastung einhergeht.


Im Umfeld von Menschen mit Demenz wird allzu oft nur sehr bedingt wahrgenommen und verstanden, dass diese Personen mit ihrem Verhalten und Handeln ihren Bedürfnissen und Befindlichkeiten Ausdruck geben. Häufig mangelt es an der Fähigkeit, die Ausdrucksweisen einer demenziell veränderten Person – die sprachlichen ebenso wie die nicht-sprachlichen – angemessen zu deuten.


Interaktion ist ein Prozess des wechselseitigen aufeinander Einwirkens, des Teilens und Mitteilens: Hier muss es künftig verstärkt darum gehen, Möglichkeiten des Äußerns von Bedürfnissen und der Bekundung des eigenen Willens für sprachlich gehandicappte Personen zu erproben und zu erforschen. Für einen gelingenderen Alltag kann es sich um scheinbar banale Dinge handeln: feststellen, welches der angebotenen Menüs die Person gerne essen möchte, wie sie über eine sie betreffende Entscheidung denkt, welche Musik sie gerne hören möchte etc. Andernorts wurde bereits mit der Erprobung und Implementierung bestimmter (einfacher) Techniken (z.B. der Arbeit mit Verständigung erleichternden Bild- und Symbolkärtchen, sog. „talking mats“), aber auch mit unterschiedlichen Möglichkeiten einer die Person stützenden Anwaltschaft („advocacy“) begonnen bzw. wird mit diesen bereits erfolgreich gearbeitet. Hierzulande besteht in all diesen Feldern immenser Forschungs- und Handlungsbedarf.



Interaktion mit allen Sinnen bedeutet aber noch mehr. Wenn ein Mensch die vertraute Ebene der oftmals stark kognitiv geprägten verbalen Kommunikation nicht mehr so nutzt, dass ein verstehender sprachlicher Austausch ohne Weiteres gelingt, besteht die Möglichkeit und das Erfordernis, primär sinnliche und leibliche Wege zu finden. Nur so besteht die Chance, miteinander in Kontakt zu bleiben, gesellschaftliche Ausgrenzung zu verhindern und weiterhin Teilhabe zu ermöglichen.

Es gibt bereits eine Reihe von Ansätzen und Verfahren, mit deren Hilfe Menschen mit veränderten kognitiven Fähigkeiten sich Ausdruck verleihen können. Viele dieser Ansätze sind künstlerisch orientiert und haben sich in der Praxis etabliert und bewährt. Mit ihren emotionalen und künstlerischen Fähigkeiten und Kompetenzen verweisen Menschen mit Demenz auf jene essentiellen Dimensionen des Menschseins, die in unserer „hyperkognitiven“ Gesellschaft nur allzu häufig unterbewertet und vernachlässigt werden. Gerade in dieser Hinsicht haben diese Personen der Gesellschaft viel zu geben, so die Bereitschaft vorhanden ist, auf ihre Stimme zu hören und sich auf eine Interaktion „auf Augenhöhe“ einzulassen.

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