Nachlese


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Stimmungsbild zur Veranstaltung in Frankfurt


250 Menschen aus allen Teilen Deutschlands waren der Einladung der Demenz Support Stuttgart, des Bürgerinstituts Frankfurt und des Mabuse-Verlages in den Frankfurter Gallus Bau gefolgt, um zu erfahren, was ihnen vier Menschen zu sagen hatten, die alle seit geraumer Zeit mit einer Demenz leben: so Christine Bryden aus Australien, bei der bereits 1995 die Diagnose Demenz gestellt wurde. Die erfolgreiche „Karrierefrau“ und alleinerziehende Mutter dreier Töchter begann nach der Diagnose noch ein Studium, schrieb ein Buch – und verliebte sich neu. In Paul Bryden, einem ehemaligen Diplomaten, fand Christine einen Seelenverwandten und neuen Partner, den die Diagnose Demenz nicht davon abhalten konnte, mit ihr den Bund des Lebens einzugehen. Auf großes Interesse stießen Christines Ausführungen, dass es in Australien mittlerweile normal sei, mit jüngeren Demenzbetroffenen, die noch im Berufsleben stünden, betriebliche Strategien für eine weitere Beschäftigung zu entwickeln.


Das Thema Berufsleben beschäftigt auch Helga Rohra nach wie vor, deren Laufbahn als gefragte Dolmetscherin von der Diagnose Demenz jäh beendet wurde. Ihre Erfahrungen mit der Situation hierzulande waren leider nicht so positiv. Für Rohra ergibt sich hieraus das Erfordernis und die Verpflichtung, von diesen und von weiteren vorbildhaften Aktivitäten in anderen Ländern zu lernen. Auch gäbe es andernorts bereits Beratungsangebote von Alzheimerbetroffenen für andere Alzheimerbetroffene. Wer sich einmal in die Lage eigener Betroffenheit versetzt und vorhandene Informationsmaterialien und Ratgeberliteratur über Alzheimer aus dieser Warte studiert hat, wird Rohras Kritik gut nachvollziehen können.


Christian Zimmermann hat seinen Lebensabschnitt als erfolgreicher Geschäftsmann vor geraumer Zeit ohne Bedauern abschließen können und eine zweite Karriere als Kunstinteressierter und künstlerisch Tätiger im Unruhestand begonnen. Sein Wunsch ist, normal weiter leben zu können. Den Anwesenden schrieb er ins Hausaufgabenheft, sie sollten ebenfalls „ganz normal“ mit Alzheimerbetroffenen wie ihm umzugehen. Als besonderen Rat gab er Menschen in einer Situation wie der seinen mit auf den Weg, möglichst offen mit ihrer Diagnose umzugehen. Fast immer sei das Ergebnis dann Verständnis und Unterstützung der anderen.


„Steht auf und sprecht darüber, dass ihr Alzheimer habt“, ermunterte Richard Taylor aus den USA die Betroffenen. Dazu müsse man keine Reden halten, im Fernsehen auftreten oder ein Buch schreiben – wie dies die vier Aktivisten auf der Bühne in Frankfurt regelmäßig tun. “Sprecht über eure Beeinträchtigung, wenn es passend erscheint. Lebt euer Leben in vollen Zügen. Bittet um Unterstützung wenn ihr sie haben möchtet“.


Man erinnere sich: vor nicht einmal zwanzig Jahren traten Angehörige von Menschen mit Demenz an, um sich das Recht auf Mitsprache in Sachen Versorgung ihrer von einer Demenz betroffenen Familienmitglieder zu erkämpfen. Heute sitzen ihre Vertreterinnen und Vertreter ganz selbstverständlich als Experten überall dort mit am Tisch, wo über das Thema Demenz beraten und entschieden wird.


„Nicht ohne uns, wenn es um uns geht“ – mit dieser Forderung traten um das Jahr 2001 die ersten Pioniere für die Selbstvertretung von Menschen mit Demenz international ins Licht der Öffentlichkeit. Auch wenn etablierte Einstellungen und Denkweisen sich hier und dort noch daran reiben mögen – inzwischen ergreifen Menschen mit Demenz auch hierzulande das Wort in eigener Sache und mischen sich ein. Und auch wenn es gewiss noch manches an Mühen, Beharrlichkeit und Zeit brauchen wird, bis sie ganz selbstverständlich überall dort mitreden können, wo es um ihr Leben und ihre Belange geht: der Weg ist eingeschlagen, der Prozess unumkehrbar – und das ist gut so!!!


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