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Fach­ta­gung: Von Bio­gra­fie­a­r­beit bis de­menz­ge­rech­tes Woh­nen

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Fachtagung: Von Biografiearbeit bis demenzgerechtes Wohnen

Vol­les Haus im Hos­pi­tal­hof in Stutt­gart – De­menz Sup­port hatte am 26. No­vem­ber 2025 zur Fach­ta­gung „De­menz mor­gen, be­ginnt heute“ ein­ge­la­den. Lesen Sie un­se­ren Ta­gungs­be­richt.

Die Ta­gung, zu der rund 120 Gäste kamen, wurde von Rai­ner Lech­ner, Vor­stand der Li­se­lot­te und Erich Grad­mann-Stif­tung und Mit­glied der Ge­schäfts­füh­rung von De­menz Sup­port, er­öff­net. Lech­ner wies dar­auf hin, wie wich­tig die The­men In­no­va­ti­on und Di­gi­ta­li­sie­rung in einer Pfle­ge­welt mit immer we­ni­ger Fach­kräf­ten sind. Im An­schluss be­grüß­ten Dr. Anja Ru­ten­krö­ger und Chris­ti­na Kuhn, Ge­schäfts­füh­re­rin­nen der De­menz Sup­port das Au­di­to­ri­um und die Ausstel­ler:innen vom „Markt der Mög­lich­kei­ten“.

Den Auf­takt bil­de­te eine Ge­sprächs­run­de mit dem Titel „Es geht um uns!“, in wel­cher Sarah März, Uğur Sever und Mar­tin Naß ihre Er­fah­run­gen mit Dr. Anja Ru­ten­krö­ger und Sü­mey­ra Öz­türk aus­tausch­ten.

Mar­tin Naß, der an einer Früh­de­menz er­krankt ist, schil­der­te, wie er offen mit sei­ner Krank­heit im Pri­vat­le­ben und am Ar­beits­platz um­geht. Sein Ar­beit­ge­ber hatte of­fe­ne Ohren für seine ver­än­der­te Si­tua­ti­on. Ge­mein­sam über­leg­ten sie sich Stra­te­gi­en, um die Ar­beits­fä­hig­keit zu er­hal­ten. Ein Weg war, die Ar­beits­zeit zu re­du­zie­ren. „Din­ge, die ich vor 20 Jah­ren ge­macht habe, kann ich immer noch. Neues hin­ge­gen fällt mir schwer“, be­schrieb der 63-Jäh­ri­ge. Im Hin­blick auf das Pri­vat­le­ben setzt er heute auch an­de­re Pri­o­ri­tä­ten. Wenn ihm da­nach sei, am Wo­chen­en­de weg­zu­fah­ren, dann mache er das ein­fach. Den­noch habe es ge­dau­ert, bis sich der All­tag nor­ma­li­siert habe, er­zähl­te er. „Kraft schöp­fe ich aus mei­nem Glau­ben und dass meine Ehe­frau und meine er­wach­se­nen Kin­der mir Ge­bor­gen­heit geben“, sagte Naß wei­ter.

Sarah März ist seit fast 40 Jah­ren pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge ihres Bru­ders, der mit Down-Syn­drom und De­menz lebt. Sie be­ton­te, wie wich­tig es für sie ist, sich mit an­de­ren An­ge­hö­ri­gen in ähn­li­chen Le­bens­si­tua­ti­o­nen aus­tau­schen zu kön­nen. „Es gibt keine An­lauf­stel­len für uns. Be­hin­der­ten­ein­rich­tun­gen haben den Zeit­punkt bis­her ver­passt, sich dar­auf ein­zu­stel­len.” Sie be­dank­te sich bei De­menz Sup­port, die durch ihren Im­puls die On­line-Selbst­hil­fe­grup­pe ONAir für An­ge­hö­ri­ge von Men­schen mit Down-Syn­drom und De­menz mög­lich ge­macht hat. „Down-Syn­drom und De­menz kann man nicht in klas­si­sche Ka­te­go­ri­en pa­cken. Darum sei die ONAir-Grup­pe auch so wich­tig”, un­ter­strich sie. „Manch­mal ist es ein­fach auch nur zu­hö­ren, Er­fah­run­gen und Ideen aus­tau­schen oder auch mal ge­mein­sam zu wei­nen“, so März.

Uğur Sever er­zähl­te von der Her­aus­for­de­rung, pfle­gen­der An­ge­hö­ri­ger mit kur­di­schen Wur­zeln in Deut­sch­land zu sein. „In un­se­rer Kul­tur wer­den An­ge­hö­ri­ge bis zum Tod zu Hause ge­pflegt. Meine Frau und ich haben ge­dacht, das be­kom­men wir mit mei­ner Mut­ter hin.“ Er hat seine Be­rufs­tä­tig­keit für die Pfle­ge sei­ner Mut­ter zeit­wei­se un­ter­bro­chen. „Aber bei 15 bis 18 Stun­den Pfle­ge am Tag haben wir uns ge­fragt, ob das Pfle­ge­heim viel­leicht doch die rich­ti­ge Lö­sung ist”, so der 32-Jäh­ri­ge über die Be­las­tung als An­ge­hö­ri­ger mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. „Gute Un­ter­stüt­zung haben wir über den in­ter­kul­tu­rel­len Be­suchs­dienst und die Be­ra­tung von Frau Öz­türk von De­menz Sup­port er­fah­ren”. Mitt­ler­wei­le lebt seine Mut­ter im Pfle­ge­heim, ob­wohl diese Ent­schei­dung schwer­ge­fal­len ist. Aber die zen­tra­le Frage ist: Was wäre die Al­ter­na­ti­ve ge­we­sen?

Allen drei Ge­sprächs­part­ner:innen ist ge­mein­sam, dass sie früh in ihrem Leben mit De­menz in Be­rüh­rung ge­kom­men sind. De­menz mor­gen, be­ginnt heute, be­deu­tet für sie: „sich früh­zei­tig mit dem Alt­wer­den aus­ein­an­der­zu­set­zen, vor­zu­sor­gen, fi­nan­zi­ell und recht­lich“, „im Hier und Jetzt zu leben, nichts auf­zu­schie­ben“, „auf das Thema Down-Syn­drom und De­menz auf­merk­sam zu ma­chen“.

Nach die­sen sehr be­rüh­ren­den Ein­bli­cken der drei Red­ner:innen führ­te Prof. Dr. Da­ni­el Buhr von der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen in die The­ma­tik „Me­ga­trends“ ein und zeig­te auf, wie Di­gi­ta­li­sie­rung in der Pfle­ge­bran­che un­ter­stüt­zend wir­ken kann. Sein Plä­doy­er: „Wir soll­ten Mensch und Ma­schi­ne ge­mein­sam dis­ku­tie­ren und uns die Frage stel­len, bis wohin uns KI be­glei­ten darf und bis wohin nicht.“ Für ihn ist ent­schei­dend, dass der Mensch die letz­te Ent­schei­dung trifft. Die KI kann aber den me­di­zi­ni­schen Fort­s­chritt un­ter­stüt­zen.


Prä­sen­ta­ti­on: Zu­kunft ge­stal­ten, Prof. Dr. Da­ni­el Buhr (pdf-Datei)


Im An­schluss be­ka­men vier Un­ter­neh­men mit Neu­hei­ten im Be­reich Di­gi­ta­li­sie­rung und De­menz im Pitch­for­mat die Bühne. Sie hat­ten genau fünf Mi­nu­ten Zeit, Ihre Neu­heit zu prä­sen­tie­ren. In­ter­es­sier­te konn­ten sich in den Pau­sen ge­nau­er über die ein­zel­nen Pro­duk­te am Markt der Mög­lich­kei­ten in­for­mie­ren.

Der Markt der Mög­lich­kei­ten war ein Ma­gnet in der Pause. Die Fach­ta­gungs­teil­neh­mer:innen konn­ten sich über In­no­va­ti­o­nen in der Bio­gra­fie­a­r­beit, z.B. wie mit­hil­fe von Di­gi­ta­li­sie­rung, Er­in­ne­run­gen er­fahr­bar ge­macht wer­den kön­nen, bis hin zur so­zi­a­len Ro­bo­tik, prak­ti­schen Un­ter­stüt­zungs- und Be­ra­tungs­an­ge­bo­ten und in­no­va­ti­ven Wohn­for­men in­for­mie­ren.

Der nach­fol­gen­de Bei­trag von Prof. Dr. To­bi­as D. Gant­ner war eine Be­kräf­ti­gung der Bio­gra­fie­a­r­beit in der Pfle­ge. „Ich möch­te Men­schen er­mög­li­chen, ihre Ge­schich­ten zu er­zäh­len. Das geht mit KI“, so der Wis­sen­schaft­ler über seine Ent­wick­lung „le­bens­werk.ai“. Mit die­sem di­gi­ta­len Werk­zeug gebe er Men­schen die Mög­lich­keit, ihre Bio­gra­fie auf­zu­spre­chen und zu einem Buch ver­le­gen zu las­sen. „Aus die­sen Bü­chern kön­nen Pfle­ge-Ex­zerp­te für Pfle­ge­mit­a­r­bei­ter:innen er­stellt wer­den. Denn je mehr die Pfle­gen­den über den Men­schen mit De­menz wis­sen, desto bes­ser ge­lingt die Pfle­ge“, re­sü­mier­te Gant­ner.


Prä­sen­ta­ti­on: Die Zu­kunft hat ein Ge­dächt­nis, Prof. Dr. med. To­bi­as D. Gant­ner (pdf-Datei)


Mit den Green Care Farms zeig­te Dr. Ka­tha­ri­na Ros­tei­us in ihrem Vor­trag al­ter­na­ti­ve Le­bens­wei­sen auf einem Pfle­ge­hof. „Pfle­ge­hö­fe er­mög­li­chen ein nor­ma­les Leben für Men­schen mit De­menz, denn es wer­den Ak­ti­vi­tä­ten an­ge­bo­ten, die zu einem nor­ma­len All­tag auf einem Bau­ern­hof ge­hö­ren. So kom­men Be­woh­ner:innen au­to­ma­tisch in Be­we­gung, weil bei­spiels­wei­se Hüh­ner ge­füt­tert wer­den müs­sen”. „Sie haben also eine Auf­ga­be zu er­le­di­gen und müs­sen nicht zum Spa­zie­ren­ge­hen auf­ge­for­dert wer­den“, er­klär­te Ros­tei­us den Un­ter­schied zu her­kömm­li­chen Pfle­ge­hei­men. Aus Ihren Er­he­bun­gen gehe her­vor, dass Men­schen nach Ein­zug in Pfle­ge­hö­fe fit­ter wer­den und deren An­ge­hö­ri­ge län­ger bei ihren An­ge­hö­ri­gen auf den Höfen seien als in her­kömm­li­chen Hei­men. Der An­satz der Green Care Farms sei ganz­heit­lich. „Green Care ist eine ver­än­der­te Hal­tung zu Men­schen mit De­menz“, sagte sie ab­schlie­ßend.


Prä­sen­ta­ti­on: Pfle­ge neu ge­stal­ten: Green Care, Dr. Ka­tha­ri­na Ros­tei­us (pdf-Datei)


Zum Ab­schluss der Fach­ta­gung gaben Re­na­te Fran­ke und Ba­r­ba­ra Leh­mann Ein­bli­cke darin, wie in Or­ga­ni­sa­ti­o­nen Lust auf Ver­än­de­run­gen und Of­fen­heit für In­no­va­ti­o­nen ge­för­dert wer­den kön­nen. Sie be­schrie­ben Pro­zes­se, die Men­schen durch­le­ben, wenn Ver­än­de­run­gen wie Di­gi­ta­li­sie­rungs­pro­zes­se auf ein Team zu­kom­men. Die Frage: „Wie trai­nie­re ich mei­nen Ver­än­de­rungs­mus­kel?“ zog sich als roter Faden durch den in­ter­ak­ti­ven Bei­trag. So wur­den die Teil­neh­mer:innen auf­ge­for­dert, die Nach­bar:in auf einen Papp­de­ckel zu zeich­nen und dabei den Blick auf die Per­son ge­rich­tet zu las­sen und nicht zwi­schen­durch auf das Bild zu schau­en. Die Er­geb­nis­se haben für all­ge­mei­nes La­chen ge­sorgt – eine gute Zutat, um sich auf Un­ge­wohn­tes ein­zu­las­sen und die Kraft der Hand­lungs­freu­de zu spü­ren. Beide be­schrie­ben an einem so­ge­nann­ten Rot­köpf­chen­mo­dell, wie es ge­lingt, neu­gie­rig zu blei­ben, Emo­ti­o­nen ab­flie­ßen zu las­sen und wie­der in die Kraft der Hand­lungs­freu­de zu kom­men.


Lust auf Ver­än­de­rung: Or­ga­ni­sa­ti­o­nen auf dem Weg in die Zu­kunft, Re­na­te Fran­ke und Ba­r­ba­ra Leh­mann (pdf-Datei)


Im Rah­men der Fach­ta­gung wurde der Grad­mann-För­der­preis 2025 ver­lie­hen. Lesen Sie hier mehr über die Preis­ver­lei­hung.

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