Fachtagung: Von Biografiearbeit bis demenzgerechtes Wohnen
Die Tagung, zu der rund 120 Gäste kamen, wurde von Rainer Lechner, Vorstand der Liselotte und Erich Gradmann-Stiftung und Mitglied der Geschäftsführung von Demenz Support, eröffnet. Lechner wies darauf hin, wie wichtig die Themen Innovation und Digitalisierung in einer Pflegewelt mit immer weniger Fachkräften sind. Im Anschluss begrüßten Dr. Anja Rutenkröger und Christina Kuhn, Geschäftsführerinnen der Demenz Support das Auditorium und die Aussteller:innen vom „Markt der Möglichkeiten“.
Den Auftakt bildete eine Gesprächsrunde mit dem Titel „Es geht um uns!“, in welcher Sarah März, Uğur Sever und Martin Naß ihre Erfahrungen mit Dr. Anja Rutenkröger und Sümeyra Öztürk austauschten.
Martin Naß, der an einer Frühdemenz erkrankt ist, schilderte, wie er offen mit seiner Krankheit im Privatleben und am Arbeitsplatz umgeht. Sein Arbeitgeber hatte offene Ohren für seine veränderte Situation. Gemeinsam überlegten sie sich Strategien, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Ein Weg war, die Arbeitszeit zu reduzieren. „Dinge, die ich vor 20 Jahren gemacht habe, kann ich immer noch. Neues hingegen fällt mir schwer“, beschrieb der 63-Jährige. Im Hinblick auf das Privatleben setzt er heute auch andere Prioritäten. Wenn ihm danach sei, am Wochenende wegzufahren, dann mache er das einfach. Dennoch habe es gedauert, bis sich der Alltag normalisiert habe, erzählte er. „Kraft schöpfe ich aus meinem Glauben und dass meine Ehefrau und meine erwachsenen Kinder mir Geborgenheit geben“, sagte Naß weiter.
Sarah März ist seit fast 40 Jahren pflegende Angehörige ihres Bruders, der mit Down-Syndrom und Demenz lebt. Sie betonte, wie wichtig es für sie ist, sich mit anderen Angehörigen in ähnlichen Lebenssituationen austauschen zu können. „Es gibt keine Anlaufstellen für uns. Behinderteneinrichtungen haben den Zeitpunkt bisher verpasst, sich darauf einzustellen.” Sie bedankte sich bei Demenz Support, die durch ihren Impuls die Online-Selbsthilfegruppe ONAir für Angehörige von Menschen mit Down-Syndrom und Demenz möglich gemacht hat. „Down-Syndrom und Demenz kann man nicht in klassische Kategorien packen. Darum sei die ONAir-Gruppe auch so wichtig”, unterstrich sie. „Manchmal ist es einfach auch nur zuhören, Erfahrungen und Ideen austauschen oder auch mal gemeinsam zu weinen“, so März.
Uğur Sever erzählte von der Herausforderung, pflegender Angehöriger mit kurdischen Wurzeln in Deutschland zu sein. „In unserer Kultur werden Angehörige bis zum Tod zu Hause gepflegt. Meine Frau und ich haben gedacht, das bekommen wir mit meiner Mutter hin.“ Er hat seine Berufstätigkeit für die Pflege seiner Mutter zeitweise unterbrochen. „Aber bei 15 bis 18 Stunden Pflege am Tag haben wir uns gefragt, ob das Pflegeheim vielleicht doch die richtige Lösung ist”, so der 32-Jährige über die Belastung als Angehöriger mit Migrationshintergrund. „Gute Unterstützung haben wir über den interkulturellen Besuchsdienst und die Beratung von Frau Öztürk von Demenz Support erfahren”. Mittlerweile lebt seine Mutter im Pflegeheim, obwohl diese Entscheidung schwergefallen ist. Aber die zentrale Frage ist: Was wäre die Alternative gewesen?
Allen drei Gesprächspartner:innen ist gemeinsam, dass sie früh in ihrem Leben mit Demenz in Berührung gekommen sind. Demenz morgen, beginnt heute, bedeutet für sie: „sich frühzeitig mit dem Altwerden auseinanderzusetzen, vorzusorgen, finanziell und rechtlich“, „im Hier und Jetzt zu leben, nichts aufzuschieben“, „auf das Thema Down-Syndrom und Demenz aufmerksam zu machen“.
Nach diesen sehr berührenden Einblicken der drei Redner:innen führte Prof. Dr. Daniel Buhr von der Universität Tübingen in die Thematik „Megatrends“ ein und zeigte auf, wie Digitalisierung in der Pflegebranche unterstützend wirken kann. Sein Plädoyer: „Wir sollten Mensch und Maschine gemeinsam diskutieren und uns die Frage stellen, bis wohin uns KI begleiten darf und bis wohin nicht.“ Für ihn ist entscheidend, dass der Mensch die letzte Entscheidung trifft. Die KI kann aber den medizinischen Fortschritt unterstützen.
Präsentation: Zukunft gestalten, Prof. Dr. Daniel Buhr (pdf-Datei)
Im Anschluss bekamen vier Unternehmen mit Neuheiten im Bereich Digitalisierung und Demenz im Pitchformat die Bühne. Sie hatten genau fünf Minuten Zeit, Ihre Neuheit zu präsentieren. Interessierte konnten sich in den Pausen genauer über die einzelnen Produkte am Markt der Möglichkeiten informieren.
Der Markt der Möglichkeiten war ein Magnet in der Pause. Die Fachtagungsteilnehmer:innen konnten sich über Innovationen in der Biografiearbeit, z.B. wie mithilfe von Digitalisierung, Erinnerungen erfahrbar gemacht werden können, bis hin zur sozialen Robotik, praktischen Unterstützungs- und Beratungsangeboten und innovativen Wohnformen informieren.
Der nachfolgende Beitrag von Prof. Dr. Tobias D. Gantner war eine Bekräftigung der Biografiearbeit in der Pflege. „Ich möchte Menschen ermöglichen, ihre Geschichten zu erzählen. Das geht mit KI“, so der Wissenschaftler über seine Entwicklung „lebenswerk.ai“. Mit diesem digitalen Werkzeug gebe er Menschen die Möglichkeit, ihre Biografie aufzusprechen und zu einem Buch verlegen zu lassen. „Aus diesen Büchern können Pflege-Exzerpte für Pflegemitarbeiter:innen erstellt werden. Denn je mehr die Pflegenden über den Menschen mit Demenz wissen, desto besser gelingt die Pflege“, resümierte Gantner.
Präsentation: Die Zukunft hat ein Gedächtnis, Prof. Dr. med. Tobias D. Gantner (pdf-Datei)
Mit den Green Care Farms zeigte Dr. Katharina Rosteius in ihrem Vortrag alternative Lebensweisen auf einem Pflegehof. „Pflegehöfe ermöglichen ein normales Leben für Menschen mit Demenz, denn es werden Aktivitäten angeboten, die zu einem normalen Alltag auf einem Bauernhof gehören. So kommen Bewohner:innen automatisch in Bewegung, weil beispielsweise Hühner gefüttert werden müssen”. „Sie haben also eine Aufgabe zu erledigen und müssen nicht zum Spazierengehen aufgefordert werden“, erklärte Rosteius den Unterschied zu herkömmlichen Pflegeheimen. Aus Ihren Erhebungen gehe hervor, dass Menschen nach Einzug in Pflegehöfe fitter werden und deren Angehörige länger bei ihren Angehörigen auf den Höfen seien als in herkömmlichen Heimen. Der Ansatz der Green Care Farms sei ganzheitlich. „Green Care ist eine veränderte Haltung zu Menschen mit Demenz“, sagte sie abschließend.
Präsentation: Pflege neu gestalten: Green Care, Dr. Katharina Rosteius (pdf-Datei)
Zum Abschluss der Fachtagung gaben Renate Franke und Barbara Lehmann Einblicke darin, wie in Organisationen Lust auf Veränderungen und Offenheit für Innovationen gefördert werden können. Sie beschrieben Prozesse, die Menschen durchleben, wenn Veränderungen wie Digitalisierungsprozesse auf ein Team zukommen. Die Frage: „Wie trainiere ich meinen Veränderungsmuskel?“ zog sich als roter Faden durch den interaktiven Beitrag. So wurden die Teilnehmer:innen aufgefordert, die Nachbar:in auf einen Pappdeckel zu zeichnen und dabei den Blick auf die Person gerichtet zu lassen und nicht zwischendurch auf das Bild zu schauen. Die Ergebnisse haben für allgemeines Lachen gesorgt – eine gute Zutat, um sich auf Ungewohntes einzulassen und die Kraft der Handlungsfreude zu spüren. Beide beschrieben an einem sogenannten Rotköpfchenmodell, wie es gelingt, neugierig zu bleiben, Emotionen abfließen zu lassen und wieder in die Kraft der Handlungsfreude zu kommen.
Im Rahmen der Fachtagung wurde der Gradmann-Förderpreis 2025 verliehen. Lesen Sie hier mehr über die Preisverleihung.


